X . X . a – was sagst du denn

gestern lief mir mein bekannter m. über den weg, in begleitung einer mir unbekannten, mit der er sich ganz ok unterhielt, es war mehr so eine unterhaltung zwischen kollegen als freunden, schien nicht außerordentlich angeregt gewesen sein, jedenfalls riss mein freund das gespräch sofort ab, als er mich entdeckt hatte und wandte sich mir zu, du hier na so schön und lange nicht gesehen usw, um dann seine eigentliche frage an mich zu stellen, die ihm augenblicklich durch den kopf flog, so wie vielen diese frage derzeit augenblicklich durch den kopf fliegt, wenn sie mich treffen, nämlich was ich denn, und sein blick straffte sich und fixierte mich um auch ja nicht ausweichen zu können, was also ich, da ich ja länger in russland gelebt und dort freunde habe und sicher auch das eine oder andere verständnis zum thema insgesamt mehr und er habe in den vergangenen tagen deswegen manches mal an mich denken müssen, was also ich zu der sache in der ukraine zu sagen hätte, meine einschätzung, er vermied das wort krieg oder irgendeine sonstige bezeichnung der invasion, die eine wertung hätte implizieren können, insbesondere bei jemandem, der möglicherweise auf der oder zumindest in nähe der russischen seite stehen könnte und dieses thema ist frisch und emotional besser also neutral zu formulieren, und vielleicht hatte er auch ein klein wenig gehofft, auch mal die andere seite hören zu können, was die dazu sagen würde, ob es evtl sogar bedenkenswerte argumente gebe, die die ganze sache in der ukraine irgendwie in seinen dimensionen nochmal verändern könnte, so jedenfalls klang diese frage und so blickte er mich auch an bzw so hatte er mich angeblickt, fiel mir in dem moment auf, als ich seine frage beantwortet hatte offenbar mit der ihm bereits bekannten haltung und sichtweise, denn als ich von katastrophe und verbrechen und meiner wut angesichts des horrors sprach, nahm sein blick einen etwas weniger interessierten ausdruck an und auch seine augen wanderten wieder rascher hin und her, wie es bei ihm oft der fall ist, dass er sich im reden sehr rasch und immer wieder seiner umgebung versichert, nur in momenten stärkerer konzentration hält dieses umherblicken an und ohne jedes abweichen von meinen augen hatte er seine frage an mich gerichtet, also musste er mich mit besonderer aufmerksamkeit angesehen haben, doch ich hatte ihm keine neue sichtweise auf diese russisch-imperiale riesenscheiße zu bieten, ich konnte ihn lediglich an meiner frustration teilhaben lassen bzgl der vergangenen 22 jahre putins russland, in denen es dieser beamtengiftzwerg geschafft hatte, sich nicht nur schier uneingeschränkte macht über sämtliche apparate und institutionen des landes zu sichern und diese auch vehement auszuüben, sondern auch die bevölkerung und gesellschaft seines landes derart in die nebensächlichkeit abzudrängen und dauerhaft zu demütigen, dass die 145millionen menschen gegen diesen einen einzigen nichts mehr ausrichten konnten, putins macht war vollkommen, die ministerien die universitäten die firmen die oligarchen die beamten überall gehorchten und taten was ihnen gesagt wurde bzw was sie glaubten im sinne des präsidenten zu sein und es gab keine nennenswerten widerstände mehr dagegen, das war alles so im arsch, wie die ukraine im arsch sein würde, wenn die russische armee mit ihrer spezoperacija fertig war, so wie seinerzeit in grosny und in syrien, es war eigentlich nur eine frage der zeit, dass kiev den titel zerstörteste stadt der welt von grosny oder aleppo überreicht bekam, der ganz besondere wanderpokal der russischen armee, mir ging noch so manches durch den kopf und längst nicht alles was hier steht, sagte ich meinem freund m., dafür war unser gespräch zu kurz, aber doch das meiste und vor allem den ton und die einstellung konnte ich anbringen, m. nickte und auch die kollegin an seiner seite nickte, und dann verabschiedeten wir uns, weil meine zigarettenpause um war und ich zurück in den kurs musste, m. ging mit seiner kollegin links ums gebäude und erklärte ihr evtl hinter der kurve auf den folgenden metern, wie und wo wir uns kennengelernt hatten und was mit mir los war, m. selbst hatte auch einiges zu berichten gehabt über seine flucht und seine ankunft, sehr wahrscheinlich hatte er den unsteten blick auf der flucht aus dem iran angenommen, vor mittlerweile 10 jahren, also noch vor der inzwischen mehrheitlich verhassten flüchtlingswelle, was für ein widerwärtiges wort aus dem die widerwärtigsten inhumansten assoziationen entstehen und das mit voller absicht, war er ganz allein nach hamburg gekommen, auf dem landweg, und hatte in einer der damaligen flüchtlingsheime gewohnt, und sich von dort stück für stück herausgearbeitet, sprache gelernt, jobs angenommen, bis er vor wenigen jahren es auf die leitungsebene bei einem träger für bildungsangebote geschaffte hatte und sich dort immer noch keine verschnaufpausen gönnte, nebenbei hatte er tagebuch geführt, wir waren uns mehrmals bei messen in hamburg über den weg gelaufen, einmal fuhr er mich fast bis nach hause und erzählte, dass er eigentlich gern ein buch schreiben wollen würde, so wie ich ja auch eines geschrieben hätte, aber sich an die arbeit nicht herantraut, aufzeichnungen und erlebnisse habe er mehr als genug, das war noch vor der pandemie und ich schlug ihm vor, doch einfach mal mit irgendetwas zu beginnen, ich würde mir es anschauen und dann sprechen wir drüber, entwickeln eine idee, einen plan etc, leider hat er das nie getan und heute, insbesondere heute, sind die erfahrungen von aus dem iran geflüchteten menschen schon nicht mehr sehr hoch im kurs, der markt richtet seine aufmerksamkeit wieder auf europäische fluchtgeschichten, das sind ja, wie uns ja nun wiederholt klargemacht wird, doch die besseren flüchtlinge mit den besseren weil europäischen fluchtgeschichten, mein freund m. hat da einfach keine chance mehr als nichteuropäischer exflüchtling, europa würde schon längst nicht mehr den blick so fix und konzentriert auf geflüchtete wie ihn richten, sollte er also doch noch an die idee seines buches glauben, müsste ich ihn ganz sicher erneut enttäuschen, seine lebenserfahrungen sind hierzulande einfach irgendwie so durchgerutscht, für die war bei seiner ankunft noch kein interesse und jetzt ist der zug eben abgefahren oder wie man das nennen soll, was sagst du denn dazu, m.?