machen wir uns keine illusionen

als der krieg begann, waren alle verwundert, obwohl sie es ebenso alle hätten wissen können, dass dieser krieg so kommen würde, doch hätte wenn und aber, der krieg ist real und eine zeitenwende, und im gegensatz zu allen anderen kriegen der vergangenen 33 jahre stellte sich niemand in der eu die frage, ob dieser oder jener krieg kuweit-jugoslawien-ruanda-afghanistan-libanon-irak-syrien-etc auch uns erreicht, ob wir direkt davon betroffen sein werden, ob die auswirkungen des krieges außer flüchtlingen hierzulande zu sehen sind. bisher war das nicht der fall. dieser krieg ist anders. und es ist nicht auszuschließen, mindestens wahrscheinlich, nicht wenige sind fest überzeugt, dass dieser krieg nicht an der grenze der ukraine stehenbleibt:

Liebe Europäer, machen Sie sich keine Illusionen: Dies ist kein lokaler Konflikt, der morgen zu Ende sein wird. Dies ist der dritte Weltkrieg.

gestern saß ich mit meinem freund alex bei der vorbereitung eine soli-lesung für die ukraine, und wir stellten uns die frage, was zu tun wir bereit wären im falle eines angriffs, eine frage wir uns seit der wende nie ernsthaft stellen mussten, kommt der krieg, kommt er nicht, ist er schon da, auch hier, werden die auswirkungen der sanktionen, die preissteigerungen bei weizen benzin öl energie etc vllt verkraftbar, was für groteske fragen hiesiger menschen angesichts der bewussten zerstörung der gesamten ukraine und ihrer bevölkerung: natürlich ist der krieg bereits hier, so wie seit 33 jahren nicht, und er ist noch lange nicht hier, es kann niemand vorhersagen, wann die erste bewusste oder zufällige russische rakete auf moldawisches rumänisches polnisches litauisches gebiet fallen wird, doch:

so wie die gesamte westliche politische und ökonomische führung in den letzten 20 jahren, und noch verbissener in den 8 jahren seit der krim-annexion sich immer nur um die beziehungen zu russland kümmerte, ob sie die sorgen des herrn putin nicht lieber doch ein bisschen ernster nehmen sollte oder wie dämonisch das russlandbild hierzulande eigentlich noch werden solledürfekönne, ignorierend was europäische russische amerikanische journalist*innen seit jahren aus dem land real berichteten und europa jahrzehntelang warnten,

so wie die gesamte westliche politische und ökonomische führung in den letzten 8 jahren den krieg in der ostukraine und die warnungen der osteuropäischen länder ignoriert hat vor der aggressiven rhetorik russischer politiker staatsbeamter fernsehschaffender – schon 2014 waren forderungen im russischen tv nach einer vollständigen eroberung der ukraine zu sehen, so wie kürzlich militärische überlegungen zur eroberung des baltikums im russischen tv zu sehen waren,

so wenig im westen europas überhaupt eine vorstellung existierte und bis heut nicht existiert, was der osten europas denn eigentlich real ist außer einer ehemaligen moskauer einflusssphäre, ein ziemlich seltsamer landstrich mit mehreren tausend kilometern breite und länge, den man eigentlich geografisch und historisch nicht fassen kann, zumal er ja hinter dem eisernen vorhang lag und eigentlich nur ostblock ist, das wichtigste land dahinten ist doch schon immer russland gewesen, und mit dem sollte man es sich tunlichst nicht verscherzen,

Ich weiß nicht, wann dieser Krieg zu Ende sein wird und welchen Preis wir für unseren Sieg zahlen müssen. Aber ich möchte ein paar Worte über die kollektive Verantwortung des Westens für all das sagen, was hier vor sich geht. Ihr habt zu lange und zu unverschämt mit den Tätern dieses Kriegs verhandelt. Ihr habt lange zwischen euren Prinzipien und eurer Bequemlichkeit geschwankt und dabei alle Verpflichtungen der Partnerschaft vergessen. Ihr habt zugelassen, dass die russische Propaganda euer Bewusstsein mit Lügen über »ukrainische Nazis« und den »Bürgerkrieg in der Ukraine« oder den »gesellschaftlichen Konflikt« überschwemmt hat. Ihr habt eine Mitverantwortung.

und können alex und ich eine soli-lesung machen und texte von serhij zhadan vortragen, wenn wir nicht auch diese klare anklage an uns selbst, an unsere blindheit, an unsere quasi natürliche blickrichtung moskau-transsib-wladiwostok, an unser westliches unverständnis gegenüber dem gesamten subkontinent osteuropa richten würden? ich immerhin kenne osteuropa nicht ganz wenig, seit meinem 5 lebensjahr bin ich bis zur wende jählich einmal in polen und/oder der cssr gewesen, habe später auch ungarn, kroatien, serbien, bosnien, slowenien bereist, russland, kasachstan, kirgistan, tadjikistan, hier in hamburg sind das lebenserfahrungen, denen fast ausschließlich unverständnis entgegengebracht wurden: wäre ja nie auf die idee gekommen, in diese länder zu fahren, eine gegend mit sieben sigeln, nur die wenigsten kennen osteuropäische autor*innen: nein, wir können nicht von solidarität sprechen, wenn uns nicht klar ist, wie sehr wir diesen krieg zugelassen haben: jede einzelne überraschung über den russischen angriff am 24.2.22 spricht davon, und

so sehr im europäischen westen auch jetzt noch von sich als links verstehenden politischen stimmen und so ziemlich alle rechtsnationalen parteien versuchen, die europäische mitschuld in der angeblich stetig weitergewachsenen bedrohung russlands durch die nato und in der nicht ausreichenden berücksichtigung russischer positionen zu behaupten, als ginge es um einen irgendwie gelagerten ost-west-konflikt, den man entsprechend alter rezepte auch mit einer ukrainischen neutralität beenden könnte bzw wenn man putin halt irgendwas zum friedensschluss anbieten würde, was letztlich beides grotesk und irre ist, denn

putin hat ja ganz offensichtlich kein interesse an einem irgendwie gearteten friedensschluss, warum sollte er, das militärische ziel der ukrainischen entnazifizerung und entmilitarisierung ist derart unkonkret gestellt, dass sich darin eigentlich kein realer endpunkt für den krieg überhaupt fixieren lässt: wann sind diese ziele erreicht, bis zu welchem ende möchte putins seine armee also kämpfen lassen, außerdem hat er so lange und vehement der ukraine das existenzrecht als eigenständiger staat abgesprochen, warum sollte er dieses existenzrecht in eingefrorenem neutralen zustand letztlich doch anerkennen, und noch viel entscheidender: warum sollte irgendjemand auf diesem planeten glauben, dass sich putins russland an irgendeinen geschlossenen vertrag halten wird? dazu gibt es in putins amtszeit keinen einzigen beleg, verträge waren für putins russland stets nur weitere verhandlungsmasse oder jederzeit aufkündbare ignorierbare brennbare papiere, warum sollte sich das nun ändern, und überhaupt:

was soll diese obsession von sehr vielen menschen im westen europas, weiterhin sich nur auf putin zu konzentrieren, warum sollte es eine rolle spielen, ob er sein gesicht wahren kann, warum interessiert es uns, ob diese verbrecherische russische regierung ihre selbstachtung behalten kann, während die ukrainische staatsführung, sämtliche regionalregierungen, das gesamte wissenschaftliche ökonomische künstlerische soziale leben, die bevölkerung der ukraine insgesamt ganz real mit dem tod bedroht wird, von eben diesen leuten, denen wir eine gesichtswahrung zugestehen möchten, über die wir uns also tatsächlich sorgen machen: nämlich über putins russland – und zwar allein deshalb, weil der kerl atomwaffen hat und wir alle glauben, wenn er zwar alle anderen abschlachten lässt aber sonst nichts, dann lässt er uns doch sicher in ruhe:

echt?

schon mal darüber nachgedacht, dass dieses russland sich selbst nur als kolonialmacht versteht, an seine eigene enorme ausbreitung gekettet ist und nicht zuletzt auch versucht, sich in china verstärkt rückendeckung zu holen und die signale des herrn xi durchaus widersprüchlich sind aus reiner taktik, dass aber im wesentlichen der informationskrieg von russland in indien und dem afrikanischen kontinent spielt und damit in den ländern und regionen, die russlands angriffskrieg in der uno-abstimmung vom 2.3.22 mit enthaltung nicht verurteilten oder gar nicht erst zur abstimmung erschienen waren, was sie zu potentiellen verbündeten russlands machen könnte: der krieg ist bereits weltweit. und er ist hier, bei uns, in den gedanken, fragestellungen, köpfen, körpern. werden die tödlichen brutalen verbrecherischen kampfhandlungen in den grenzen der täglich immer mehr zerstörten ukraine bleiben? wahrscheinlich: nicht.