die resig nation

im jahr 23 wird der krieg unvermindert weitergehen, die täglichen bzw nächtlichen raketen- und drohnenangriffe belegen russischen zerstörungswillen und ukrainische abwehrbereitschaft. der krieg ist nach über 300 tagen in die phase der zermürbung eingetreten, sowenig wie die russische armee bei bachmut und an anderen orten signifikante gewinne vermelden kann bzw gar starke verluste bekannt gibt, sowenig ist die ukrainische armee in der lage, ihre militärischen erfolge zu wiederholen und die russischen angreifer zu vertreiben. noch im oktober versuchte ich eine kleine bestandsaufnahme der bisherigen 200 kriegstage:

der krieg hat im vergangenen monat einige schwere wandlungen erlebt, die explodierte kertsch-brücke, die massiven rache-attacken, raketen- und angriffe mit iranischen shahed-drohnen, die zwangsevakuationen aus kherson und nicht zuletzt die wiederholten russischen warnungen vor einer angeblich ukrainischen „schmutzigen bombe“, während inzwischen sehr viele verstanden haben dass russische warnungen eher ankündigungen eigener taten sind. im deutschen inneren gibt es kritik am friedenspreisträger serhij zhadan weil er mit zorn auf die russländischen besatzer schaut, präsident steinmeier hat es nun endlich auch in die ukraine geschafft, die wagenknechts der republik halten die grünen für die bösesten der bösen, und auch sonst ist der krieg oder wenigstens seine entstehung eine frage der narration und der biografischen prägung, insbesondere letzteres zeigt sehr anschaulich die dokumentation von jenny wellmer über ostdeutsche sichtweisen auf das geschehen…. etc…

der krieg war ausgewachsen und russland nahm keinerlei rücksicht mehr auf irgendein internationales abkommen, kriegsverbrechen auf kriegsverbrechen begehend, die zivilbevölkerung angreifend, die zivile infrastruktur der ukraine massiv schädigend, während die ukraine sich weiterhin standhaft und siegesgewiss verteidigte. es war damals und ist bis heute offensichtlich, dass putins russland nicht bereit ist, den krieg zu beenden, die putinsche neujahrsansprache verdeutlichte den kriegswillen des präsidenten und seiner führungsriege, wieviel theaterinszenierung auch immer dabei zu erkennen war, russland wird seine ressourcen für diesen krieg aufwenden und die mehrheit der bevölkerung wird dies mittragen, so wie die russische bevölkerung jeden krieg und jede einschränkung seiner freiheiten stets mitgetragen hat, denn die russische bevölkerung ist seit dem zarenreich darauf trainiert, sich nicht zu äußern, ja dem regierenden präsidenten/generalsekretär/zaren auch dann noch zuzuwinken, wenn die hände gefesselt sind, denn der zar ist gut nur die bojaren sind schlecht. auch die meisten meiner sibirischen freunde posten im internet weiterhin frohgemute fotos von sich und ihren sonnigen wintertagen oder guten arbeitstagen oder was der schönen dinge mehr sind, und ich komme nicht umhin, das nicht mehr als öffentlich dargestellte maskerade zu sehen hinter der sich theoretisch schwerst strafbares gedankengut verbirgt, sondern als genau das was es zeigt, ein ganz und gar liebliches und einverstandenes leben in putins russland, niemand meiner bekannten und freunde zeigt so etwas wie protest oder fragt gar, was im „westen“ erzählt und berichtet wird, es gibt keine fragen mehr, es gibt kein gespräch mehr, und wer jetzt noch nicht im internet gelernt hat auf andere (russischsprachige) nachrichtenportale – nämlich alle verbotenen – zu wechseln statt auf die offiziellen tv-kanäle zu vertrauen, der wird das auch jetzt nicht mehr tun, die bevölkerung hat zu großen teilen resigniert, auch deshalb weil es einfacher ist zu resignieren und sich zu arrangieren – statt aufzubegehren und wie die menschen im iran wirklich alles zu riskieren: russland ist eine riesige nation die nichts zu stande bringt, eine einzige resig—nation. und für nichts ist diese dauerdepressive nation verantwortlich. der krieg ist eben noch nicht in russland angekommen, auch nicht mit den särgen der getöteten soldaten, und die menschen haben ihn ja auch eigentlich nicht gewollt, und die toten jungen männer bestärken eher noch die unterstützung für den krieg, denn diese toten können doch nicht einfach für nichts gestorben sein, und wenn die ukraine nicht weiterkämpfen würde, wären nur die faschisten tot aber nicht die unschuldigen soldaten, so eine der trotzigen argumentationslinien. die resignation und das einverständnis mit putins russland, so wie es sich heute für die bevölkerung darstellt, ist das ergebnis einer sehr sehr langen gewöhnung, dass die bevölkerung und die führungsperson des landes in getrennten welten leben, dass es gar keine sinnvolle möglichkeit auf politische beteiligung gibt in einem land, wo der mythos vom guten zaren und seinen schlechten staatsdienern unverwüstlich scheint:

But even as [Marina Doronina] was annoyed about the way the local authorities managed the mobilization of her son, she expressed faith in Mr. Putin. “Our president is quite wise, and he is still doing a good job,” she said.

eine propaganda, so wirkmächtig, dass sie einer alleinerziehenden mutter eines behinderten kindes und eines erwachsenen sohnes mit dem einberufenen sohn die finanzielle lebensgrundlage entziehen kann und sie das auch noch befürwortet, eine solche propaganda verliert nicht einfach seine deutungshoheit, wenn da ein paar wiederkehrende schauspieler im bild neben dem präsidenten sind oder wenn ein amerikanisches investigationsteam die morde in butcha beweisen und einer russischen einheit zuordnen kann, eine solch wirkmächtige propaganda ist im gegenteil zu jedem zynismus und jeder noch so durchgeknallten forderung in der lage ohne jeden widerspruch. und auch hierzulande hat sich diese propaganda breit gemacht und scheint immer mal wieder durch manche publikation und sendung, allen voran frau krone-schmalz und ulrike guérot.

die immer wieder gestellte frage, wie der krieg enden könnte, und der stets wiederholte ruf nach verhandlungen sind dahingehend müßig, als dass sie sich auf ein aktuell vollkommen utopisches szenarium berufen, nämlich dass insbesondere russland ein interesse am frieden bzw überhaupt erst einmal waffenstillstand hat. dieses interesse gibt es schlicht nicht, und es ist nicht vorhersehbar, wie dieses interesse entstehen könnte. der moskauer antikriegs-aktivist denis zakharov hat dazu eine vorstellung: der krieg wird durch die rückkehrenden traumatisierten und gewaltbereiten soldaten und söldner ins riesige resignierende land gebracht und die wirtschaftliche krise wird zu verteilungs- und bandenkämpfen führen, das land wird von innen heraus nicht mehr regierbar sein. was auch immer davon zu halten ist: der krieg endet erst nach putin was bedeutet: nach putins bevölkerung, denn der krieg wird russland wieder einmal nicht grundlegend verändern, nicht zu einem modernen demokratischen land machen aus protest gegen die faschistische herrschende mafia, im gegenteil wird die resignierende nation russland sich selbst konstituieren und einmal mehr der bösen feindlichen welt da draußen die schuld für seine innere und äußere psychische und physische verfasstheit geben, denn russland ist noch nie für sich selbst verantwortlich gewesen, und für eine demokratische minimalepoche post putinum sind schlicht keine personen in sicht, die das zynische und vollkommene system des unumstößlichen leaders glaubhaft auflösen und neu gestalten könnten.

dieses land ist eine simulation illusion und resig nation ohne ausweg.